Rezension zur Szenischen Lesung aus "Der Trafikant" von Robert Seethaler

Plakat 2

Am 17. und 18.07.2017 lud die Theater-Gruppe, bestehend aus der Klasse TGI 11/5 des Technischen Gymnasiums, unter der Leitung von Holger Eisfelder zur „Szenischen Lesung“ aus Robert Seethalers „Der Trafikant“ ein.

20 Schülerinnen und Schülern auf und ebenso vielen fleißigen Helfern hinter der Bühne gelang es ganz eindrucksvoll, die Geschichte des 17-jährigen Franz Huchel darzustellen.

Franz Huchel, Protagonist des 2012 erschienenen Seethaler-Romans „Der Trafikant“, verlässt im Jahr 1937 sein Zuhause im Salzkammergut, um in Wien eine Lehre bei Otto Trsnjek, dem Betreiber einer gutgehenden Trafik, anzutreten. Fortan muss Franz nicht nur die Kunst des Verkaufs von Zeitungen und Tabakwaren erlernen, sondern sich auch in der lauten, schmutzigen und politisch aufgeheizten Hauptstadt zurechtfinden. Zu Verwirrungen kommt es für Franz nicht nur, als er sich bei einem Praterbesuch in Anezka verliebt, sondern auch, als er erkennen muss, welche zum Teil katastrophalen „Begleiterscheinungen“ die Liebe, die politischen Veränderungen und die menschliche Psyche in sich bergen. In Sigmund Freud, einem Stammkunden der Trafik, findet Franz Huchel einen väterlichen Freund, der ihm bei Fragen zu Liebe und Kummer ebenso hilfreich zur Seite steht, wie in der Ergründung der Traumdeutung. Die Liebe in Zeiten der Denunziation, die Österreichs Anschluss ans „Deutsche Reich“ im März 1938 mit sich bringt, erfährt Franz Huchel dann selbst hautnah und setzt letztlich seinerseits ein „unübersehbares Zeichen“ am Fahnenmast der Gestapo-Zentrale.

Überzeugend wurden die Figuren verkörpert: Unter vielen anderen Schülerinnen und Schülern der Klasse spielte Maximilian Moser gewitzt, aber auch sehr ernsthaft den jungen Protagonisten Franz Huchel, Erik Stamm stellte einen nachdenklichen und politisch überzeugt gegen die Nazis eingestellten Otto Trsnjek dar, während Leah Samietz in die Rolle der kessen Anezka schlüpfte und Adrian Soja als weiser Professor Freud zu sehen war. Holger Eisfelder gelang es mit seinem Ensemble, die sehr nachdenklich stimmenden Inhalte eindrucksvoll in Szene zu setzen. Verstärkt wurde dies durch eine gelungene Musikauswahl und Originaltonaufnahmen zum historischen Kontext.

Die Kostüme und das Bühnenbild waren gut in Szene gesetzt. Die Dauer, die der Umbau der Kulissen mitunter benötigte, riss die Zuschauer leider oft aus der zuvor aufgebauten Stimmung. Dies war recht schade. Trotz allem verließ das Publikum die Aufführung in eben dieser nachdenklichen Stimmung und angesichts der aktuellen politischen Lage sicher nicht ganz sorgenfrei. So möchte man an die Geschichte von Seethalers Trafikanten Franz Huchel, der anders als die meisten Anderen ein Zeichen gegen die Nazis setzt, noch den Ausspruch des irisch-englischen Schriftstellers Edmund Burke anfügen: „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun!“ Jeder ist gefragt und angehalten, aktiv zu werden, um das „Böse“ nicht zuzulassen!

Schon jetzt darf man sich auf die nächste Aufführung der Theatergruppe freuen, die zudem auch ein Jubiläum feiern darf, da Holger Eisfelder dann zum zehnten Mal selbstständig Regie führen wird.

Antje Lenczak

bild4 bild1bild2

bild3bild5

Bildergebnis für österreich fahne

Grußwort zur Szenischen Lesung

„Die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte unserer beiden Länder ist mir als Kunst- und Kulturminister der Republik Österreich ein besonderes Anliegen. Darum freue ich mich umso mehr, dass Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“ auch in Deutschland zur Pflichtlektüre in den Oberstufenklassen gehört. Die Geschichte des Franz Huchel spiegelt nicht nur die Auswirkungen von Gewalt und Repressalien im Wien in der Zeit des Nationalsozialismus wider, sondern führt uns vor allem vor Augen, wie wichtig Zivilcourage und Verantwortung – auch in der heutigen Zeit – sind. Ich kann mich den Worten Richard von Weizsäckers vom 8. Mai 1985 nur anschließen: „Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.“ Ich danke Ihnen, dass Sie […] dazu beitragen, Geschichte zu gestalten und wünsche Ihnen und Ihren Schülerinnen und Schülern für die szenische Lesung am 17. Und am 18. Juli viel Erfolg!“

 

Bundesminister Mag. Thomas Drozda   

Bundeskanzleramt Österreich

Bundesminister für Kunst und Kultur, Verfassung und Medien

Wien, Republik Österreich

10. Juli 2017